| Kinder ohne Eltern | |||||
| Sendebeitrag vom 27.01.01: Kein Name, keine Adresse, kein Hinweis auf die leibliche Mutter. In den sogenannten Babyklappen können verzweifelte Mütter ihr Baby anonym abgeben. Das St. Anna Krankenhaus in Herne geht noch einen Schritt weiter: Hier können Mütter in Notsituation ihr Kind anonym zur Welt bringen und zur Adoption freigeben - entgegen den eigentlichen Vorschriften. Denn laut Gesetz muss das Krankenhaus eine Geburt melden, muss die Daten der Mutter weitergeben. Nicht nur der Gesetzgeber - auch viele Adoptierte sehen die anonyme Geburt skeptisch. Denn so bleibt den Kindern keine Chance, irgendwann einmal die leiblichen Eltern zu finden. Völlig anonym zur Welt zu kommen - das kann für Kinder und auch noch für Erwachsene zu einem echten Problem werden. Denn der Wunsch, die leiblichen Eltern einmal kennen zu lernen, den spüren viele adoptierte Menschen - auch wenn sie in ihrer Adoptiv- oder Pflegefamilie noch so glücklich sind. Auch Michael Hartmann aus Köln würde seine leibliche Mutter und seinen leiblichen Vater gerne einmal zu Gesicht bekommen. Er kennt wenigstens den Namen seiner Mutter. Aber sie nach 35 Jahren zu finden, bleibt schwierig. Seit Jahren ist er schon auf der Suche nach seiner leiblichen Mutter. Mit sechs Jahren hat Michael Hausmann erfahren, dass seine Eltern nicht seine leiblichen Eltern sind. Seine Mutter hat ihn kurz nach seiner Geburt abgegeben, zehn Monate lang war er im Kinderheim, dann wurde er adoptiert. Jetzt - mit 35 - will er endlich wissen, wo er herkommt. Seine ungewisse Herkunft empfindet er als Lücke in seiner Geschichte. In seiner Jugend war ihm diese Lücke egal - doch nun interessiert es ihn sehr. Er fragt sich beispielsweise, wie seine Eltern aussehen. Diesen Wunsch haben viele Adoptierte. Hilfe bei ihrer Suche bekommen sie in ihren Adoptionsvermittlungsstellen - wie hier im evangelischen Verein für Adoption. Dort lagern Tausende von Akten - häufig beinhalten sie nicht nur die Namen der abgebenden Mütter, sondern auch Lebensläufe und Briefe. Adoptionsberaterin Gesine Wischerhoff weiß, wie wichtig auch nur die kleinsten Hinweise für die Adoptierten sind. Viele adoptierte Menschen stellen praktische Fragen wie z. B., ob Ähnlichkeiten bestehen oder ob es in der Herkunftsfamilie Krankheiten gab. Auch der Abgabegrund und die Umstände, in denen die leiblichen Eltern sich zum Zeitpunkt der Abgabe befanden, interessiert sie. Gesine Wischerhoff hat schon einige Mütter, Väter und Kinder wieder zusammengebracht - oft nach jahrzehntelanger Trennung. 40 Jahre lang bewahren die Adoptionsvermittlungsstellen die Akten mindestens auf. Die ältesten Daten hier stammen aus dem Jahr 1925. Damals gab es häufiger sogenannte inkognito Adoptionen. Heute versuchen die Vermittler mehr als nur den Namen zu erfahren. Die Adoptionsberaterin rät den Frauen, einen Lebenslauf zu schreiben, der konkrete Angaben zur ihrer Lebensgeschichte enthält. Das kann für die spätere Identitätssuche der abgegebenen Kinder wichtig und nützlich sein. So wichtig wie die Anonymität für das Wohl und den Schutz der Mutter sein kann - für das adoptierte Kind kann die Anonymität zum echten Problem werden. Deshalb ermutigt Gesine Wischerhoff die Mütter, etwas Persönliches von sich preiszugeben. Vor diesem Hintergrund sind viele Frauen gerne bereit, ein paar persönliche Angaben zu machen - so schwer es fallen mag. Um es den abgebenden Frauen oder Eltern leicht zu machen, hat Gesine Wischerhoff Biographiebögen vorbereitet. Die können die adoptierten Kinder später einsehen. Das Einzige, was Michael Hausmann bisher herausgefunden hat, ist der Name seiner Mutter, eine alte Adresse und dass seine Mutter zum Zeitpunkt seiner Geburt sehr jung war. Nach der Adoption bekam er eine neue Geburtsurkunde - mit dem Namen seiner Adoptiv-Eltern. Vorwürfe macht der 35-jährige seiner Mutter keine. Er vermutet, dass sie keine andere Wahl hatte. Jetzt will er wissen, wie es ihr geht. Dabei ist ihm sehr wohl bewusst, dass ein Treffen mit seiner leiblichen Mutter nicht nur spannend oder aufregend sein kann. Es birgt gleichfalls das Risiko, in eine andere Familie hinein zu platzen und Unruhe stiften. Hinzu kommt ein bisschen Angst vor einer ablehnenden Reaktion. Doch das Risiko will Michael Hausmann eingehen. Alle zuständigen Ämter - vom Jugendamt bis zum Einwohnermeldeamt - hat er bereits ausgefragt. Bisher ohne großen Erfolg. Aufgeben will er aber noch lange nicht. Irgendwann - da ist er sich sicher - wird er seine leibliche Mutter auch finden. |
|||||