Selbstmordgefahr bei Adoptierten

Weshalb Jugendliche manchmal keinen anderen Ausweg mehr sehen, als den Selbstmord, ist unklar. So konnte bis heute noch nicht einmal festgestellt werden, welche Familienverhältnisse Selbstmordversuche begünstigen und welche davor schützen. Einigen können sich Psychologen meist nur auf die unbefriedigende allgemeine Aussage: "Ein intaktes Familienleben schützt vor Selbstmordtendenzen."

US-Forscher der University of Ohio interessierten sich nun dafür, ob adoptierte Kinder seltener oder häufiger Selbstmordversuche verüben, als Nachwuchs, der bei den leiblichen Eltern aufwächst. Die Gruppe um Gail Slap untersuchte mehr als 6’500 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren, von denen drei Prozent adoptiert worden waren. Wie die Forscher feststellten, versuchten adoptierte Jugendliche gegenüber jenen, die bei ihren leiblichen Eltern lebten, doppelt so oft, in den Tod zu gehen. Doch nicht nur in Hinblick auf Selbstmordversuche zeigten die Adoptierten Auffälligkeiten: Sie benötigten auch doppelt so häufig psychologische Beratung. Und dies, obwohl die Mütter der Adoptierten häufiger zur Oberschicht gehörten und im allgemeinen auch über ein höheres Einkommen verfügten. "Weshalb eine Adoption das Selbstmordrisiko erhöht, konnten wir allerdings nicht herausfinden", so Slap.

Die Analysen der Forscher ergaben, dass insgesamt acht Faktoren auf ein erhöhtes Selbstmordrisiko hinweisen und lediglich einer das Risiko herabsetzt. Als besonders gefährdet sind demnach Jugendliche einzustufen, bei denen Depressionen beobachtet werden, oder die regelmässig psychologische Beratung in Anspruch nehmen müssen. Als weitere Hinweise auf eine Selbstmordgefahr erwiesen sich Rauchen, kriminelles Verhalten, weibliches Geschlecht, die bereits erwähnte Adoption, sowie Minderwertigkeitsgefühle und aggressives Verhalten.

Der einziger Faktor, der das Risiko für Selbstmordversuche herabsetzt, sind den Untersuchungen zufolge intakte Familienbande. Sie reduzieren Todessehnsüchte auf nahezu die Hälfte - unabhängig davon, ob die betroffenen Jugendlichen adoptiert sind oder nicht.

Bislang war man auch davon ausgegangen, das impulsive, spontane Jugendliche häufiger Selbstmordversuche unternehmen. Dies war jedoch nicht der Fall. Nach den vorliegenden Erkenntnissen scheint Selbstmord eher eine "wohl durchdachte Sache" zu sein. "Was Eltern aus unserer Studie mitnehmen können, ist, dass sie sich mehr Zeit für ihre Sprösslinge nehmen sollten", so Slap: "Reden, Wärme, Liebe und Unterstützung geben Jugendlichen den nötigen Rückhalt im Leben und sind gerade dann wichtig, wenn die Pubertät mit voller Wucht durchbricht."

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 8.8.2001