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Unbewusste Suche nach Mutter
Neue Erkenntnisse zur Partnerwahl: Ähnlichkeit mit dem eigenen Elternteil ist ein wichtiges Auswahlkriterium Von Ingrid Kupczik - Die Welt - 02.10.2002 Hamburg - Sie sind Ehefrau? Dann sehen Sie sich einmal ganz genau das Gesicht Ihrer Schwiegermutter an. Und? Entdecken Sie hier und dort eine gewisse Ähnlichkeit mit sich selbst? Dann könnte der schottische Wissenschaftler Professor Dave Perrett Recht haben. Er behauptet: Ein wichtiges Kriterium bei der Wahl des Partners ist dessen Ähnlichkeit mit dem jeweils andersgeschlechtlichen Elternteil. Der Mann sucht sich unbewusst eine Frau, die der eigenen Mutter ähnelt, die Frau einen Mann, in dem sie Züge ihres Vaters wiedererkennt. Professor Perrett ist Attraktivitätsforscher. Im Institut für Psychologie der University of St. Andrews beschäftigt er sich seit etlichen Jahren mit der Frage, welche äußeren Merkmale die Partnerwahl beeinflussen. In seinem jüngsten Experiment zeigte er Studenten auf einem Bildschirm jeweils für den Bruchteil einer Sekunde Porträts unbekannter Frauen und bat die jungen Männer, deren Attraktivität zu bewerten. Umgekehrt erhielten weibliche Testpersonen männliche Porträts zur Ansicht. Was die Probanden nicht wussten: In den Bilderserien befand sich auch eine Aufnahme von ihnen selbst. Diese war mit Hilfe eines speziellen Computer-Programms so verändert worden, dass aus dem Männergesicht das Bild einer Frau entstand, und umgekehrt. Zur Verblüffung von Studienleiter Perrett empfanden die Testpersonen genau dieses Bild als besonders attraktiv ("New Scientist", Nr. 2328). Nach Überzeugung des Wissenschaftlers erkannten die Studenten unbewusst in ihrem eigenen Bild die Gesichtszüge des Vaters beziehungsweise der Mutter wieder - und zwar genau so, wie diese in jüngeren Jahren ausgesehen hatten, als die Studenten Babys waren. Dies könnte, so Perrett, der Beweis für eine frühkindliche Prägung sein. Wenn seine Theorie zutrifft, müssten Kinder, die bei Pflegeeltern aufwachsen, eine Vorliebe für deren Gesichter, nicht jedoch für die ihrer biologischen Eltern entwickeln. Diese Frage ist bisher nicht erforscht. Von Tieren weiß man aber, dass beispielsweise eine Ente, die bei einer Gans als Pflegemutter aufwuchs, im geschlechtsreifen Alter nach einer passenden Gans für die Paarung sucht. Als einen weiteren Beleg dafür, dass eine vergleichbare Prägung auch beim Menschen stattfindet, deutet Professor Perrett das Ergebnis folgenden Experiments: Seinen Studenten wurde ein am Computer hergestelltes Durchschnittsbild in verschiedenen Altersstufen präsentiert. Die Testpersonen bewerteten - erwartungsgemäß - die jüngeren Gesichter als attraktiver. Überrascht stellten die Forscher aber fest, dass jene Studenten, deren Eltern bei ihrer Geburt 30 Jahre oder älter gewesen waren, im Durchschnitt stärker von älteren Gesichtern angezogen waren als Kommilitonen, deren Eltern bei der Geburt sehr jung gewesen waren. Suchen sich diese Studenten tatsächlich ältere Partner? Vermutlich nicht. Denn bei der Frage, welches Alter der "ideale Partner" haben sollte, stimmten die Angaben der Studenten älterer Eltern mit denen jüngerer überein. Bemerkenswert ist aber, dass sich sämtliche Studenten einen Altersabstand von drei Jahren zum Partner wünschen, wobei der Mann der Ältere sein soll. "Diese Altersdifferenz gilt in nahezu allen Kulturen als ideal", erklärt Dr. Ronald Henss, Partnerwahlforscher an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Den von Professor Perrett untersuchten Effekt der Vater- oder Mutterähnlichkeit beurteilt Henss als "eines von vielen Kriterien der Partnerwahl", neben Bildung zum Beispiel, sozioökonomischem Status oder auch der räumlichen Nähe. Die Ähnlichkeits-Theorie sei aber durchaus plausibel vor dem Hintergrund der Beobachtung, "dass die Menschen anhand der Gesichter, die sie im Laufe eines Lebens sehen, im Geiste das Durchschnittsgesicht beispielsweise einer jungen Frau oder eines älteren Mannes bilden". Studien ergaben, dass diese Durchschnittsbilder eine besonders hohe Attraktivität besitzen. Da Eltern in aller Regel die am häufigsten betrachteten Personen in der Kindheit und Jugend sind, sei es "wahrscheinlich, dass diese Durchschnittsbilder dem Vater oder der Mutter bis zu einem gewissen Grad ähnlich sind", erklärt Henss. Aus der Perspektive der Evolutionsbiologie macht die Suche nach der Ähnlichkeit durchaus Sinn. Nach der Theorie des britischen Verhaltensforschers Professor Pat Bateson von der Cambridge University birgt die Paarung mit einem Familienangehörigen zwar das Risiko uner-wünschter Genmutationen; der Vorteil sei aber, dass Gene, die für eine erfolgreiche Anpassung an die lokale Umgebung sorgen, quasi in der Familie bleiben. Minimale Inzucht zur Rettung des Genpools? Fest steht: Weltweit ist die Heirat von Cousin und Cousine nicht nur erlaubt, sondern in manchen Kulturen sogar ausdrücklich erwünscht. Was aber bedeutet es nun für die Qualität und Haltbarkeit einer Beziehung, wenn die Braut Ähnlichkeit mit ihrer Schwiegermutter aufweist? Da diese Frage noch nicht einmal ansatzweise geklärt ist, gilt bis auf weiteres folgende Empfehlung: Die Braut möge sich vor ihrer Hochzeit ganz genau den Schwiegervater ansehen. Dann weiß sie, was auf sie zukommt. |
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